Thema "Aufnahme von afghanischen Ortskräften"

In der Radiosendung Kontrafunk aktuell vom 29. Oktober 2025 (ausgestrahlt auf kontrafunk.radio) war Dr. Thomas Sarholz, Oberst a. D. und ehemaliger Kommandant des Camp Warehouse in Kabul (2005/2006), als Gast zu hören. Das Interview konzentrierte sich auf die aktuelle Debatte in Deutschland über die Asylgewährung für afghanische Ortskräfte und deren Familien. 

Sarholz, der aus seiner langjährigen Erfahrung im Afghanistan-Einsatz berichtet, äußert sich hochgradig skeptisch und warnt vor den Risiken einer pauschalen Aufnahme.
Kern der Aussage von Dr. Thomas Sarholz
Sarholz stellt die gängige mediale Darstellung der Ortskräfte als "selbstlose Helfer" infrage und beschreibt sie stattdessen als opportunistisch und potenziell illoyal. Seine zentralen Punkte im Interview:
Motivation der Ortskräfte war rein wirtschaftlich: Sie arbeiteten nicht aus Idealismus oder Loyalität, sondern wegen der hohen Bezahlung (für afghanische Verhältnisse "fürstlich"), der guten Behandlung und der Zugänge zu Verpflegung und Geschenken (z. B. Kleidung von abziehenden Soldaten). "Selbstlosigkeit war das Letzte, was diese Leute angetrieben hat", betont er. Romantische Vorstellungen von Heldenmut stoßen in der afghanischen Gesellschaft auf "völliges Unverständnis".
Starke familiäre Bindungen und Verrat: Afghanen definieren sich primär über Familie, Stamm oder Clan – Individualismus ist unbekannt. Starke Gruppen profitierten mit, schwächere mussten Schutzgeld an Taliban zahlen und Informationen weitergeben. Dadurch waren die Taliban oft "bis ins Detail über unsere Zahl, Ausrüstung und Absichten informiert". Sarholz' eigene Mitarbeiter (zwei deutsche Soldaten) waren daher streng instruiert, um Sicherheitslecks zu vermeiden.
Warnung vor der Aufnahme: Die Ortskräfte wollen nach Deutschland, weil sie den hohen Lebensstandard kennen – "den Wohlstandsmagneten Deutschland". Doch innerlich "verachten uns diese Menschen", was sie aus strategischen Gründen nie zugeben würden. Sarholz warnt: Eine Massenaufnahme würde Deutschland nicht helfen, sondern Risiken bergen, da viele Ortskräfte potenziell unzuverlässig oder feindlich gesinnt sind. Er räumt ein, dass Ausnahmen möglich sein könnten ("mir sind sie nicht begegnet"), plädiert aber für eine selektive, prüfungsbasierte Haltung statt eines "Alleingangs" durch NGOs oder Politik.
Rechtliche Grundlage: Sarholz diskutiert, dass es keine klare völkerrechtliche oder deutsche Rechtsgrundlage für eine umfassende Evakuierung gibt. Die Debatte sei emotional getrieben, ignoriere aber die Realitäten vor Ort. Stattdessen fordert er eine differenzierte Prüfung, um "wen holt man sich damit ins Land?" zu klären.
Kontext und Relevanz
Diese Aussagen knüpfen an Sarholz' früheren Leserbrief in der FAZ (2021) an, in dem er ähnlich argumentierte, was zu Kontroversen führte. In der Sendung vom 29.10.2025 wird das Thema aktualisiert, da die Asyldebatte in Deutschland hochkocht – z. B. durch Forderungen nach Aufnahme Tausender Ortskräfte. 
Sarholz' Position ist politisch brisant und wird von Kritikern als "hart" oder "rassistisch" abgetan, von Befürwortern als "realistisch". Sie unterstreicht die anhaltenden Spannungen um den Afghanistan-Abzug 2021 und die Integration afghanischer Flüchtlinge.

Basierend auf offiziellen Angaben des Bundesinnenministeriums (BMI) und des Auswärtigen Amts (Stand: September/Oktober 2025) wurden ca. 20.800 Ortskräfte und Familienangehörige nach Deutschland aufgenommen. Davon sind:
Ca. 4.400 Hauptantragsteller (eigentliche Ortskräfte, die für deutsche Stellen gearbeitet haben).
Der Rest (ca. 16.400) sind Familienangehörige.
Diese Zahl bezieht sich ausschließlich auf das Ortskräfteverfahren. 
Insgesamt wurden seit August 2021 über 38.000 afghanische Staatsangehörige über alle Programme aufgenommen, wovon ein signifikanter Anteil (ca. 20.000) auf Ortskräfte und ihre Familien entfällt.

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