Norbert Bolz: Wie die Demokratie von ihren Rettern bedroht wird
Denn dass immer häufiger Mitglieder der AfD von Wahlen ausgeschlossen werden, verkauft man uns als Normalität. Angeblich geschieht es zum Schutz der Demokratie – oder wie die politisch-mediale Elite es formuliert: zum Schutze „unserer Demokratie“. Begründet wird das mit „Zweifeln an der Verfassungstreue“ des jeweiligen AfD-Kandidaten. Diese Zweifel stützen sich auf ein Gutachten des Verfassungsschutzes, das die AfD als „rechtsextrem“ einstuft. Dabei wird gerne unterschlagen, dass der Verfassungsschutz unmittelbar dem Landesinnenministerium untersteht.
Im jüngsten Fall war es eine SPD-Innenministerin mit dem Verfassungsschutz Niedersachsen, der sich stolz zur Antifa bekennt. Man kann den Eindruck bekommen, dass sich alle politischen Gegensätze in Deutschland zu dem Kampf AfD gegen Antifa vereinfachen. Das wird gerne damit begründet, dass uns ein Weimar 2.0 drohe. Der Vergleich mit Weimar ist aber genauso unsinnig wie der nachträgliche Antifaschismus.
Nachträglicher Antifaschismus ist ein guter Begriff des Philosophen Odo Marquard. Er knüpft an Freuds berühmte Geschichte vom Urvatermord an: Die Horde der Brüder bringt den tyrannischen Vater um. Dann aber bereuen sie die Untat und leisten dem toten Vater nachträglichen Gehorsam. Odo Marquards raffinierte Aktualisierung dieser Geschichte lautet: Die Deutschen haben es versäumt, Hitler zu töten. Später bereuen sie es – und leisten dann nachträglichen Ungehorsam: eben einen Antifaschismus ohne Faschisten. Der deutsche „Kampf gegen rechts“ ist populär seit dem Jahr 2000. Damals rief Gerhard Schröder zum „Aufstand der Anständigen“ auf. Der „Kampf gegen rechts“ setzt aber Realitätsverleugnung voraus.
Denn Hitler existiert nur noch im Kopf.
Die Nazis der Antifa sind ein Phantom – man könnte auch sagen: sie sind ein Kampfmythos im Sinne Georges Sorels. Im Grunde ist der Kampf gegen „Nazis“ nur der Vorwand, um die bürgerliche Gesellschaft zu zerstören. Und damit das funktioniert, muss die Antifa im Unklaren lassen, was ein „Nazi“ oder „Fascho“ ist.
Bekanntlich wollte die Antifa-Gruppe „Widersetzen“ den AfD-Parteitag 2026 verhindern, und dabei fiel dann auch der selbstbewusste Satz: „Wir überschreiten Gesetze“. Das bedeutet aber, dass der nachträgliche Antifaschismus, also die Idealisierung des zivilen Ungehorsams, die Selbstjustiz rechtfertigt. Die Sturmabteilung der Guten kann dann mit gutem Gewissen gewalttätig sein. Gewalt wird also salonfähig, wenn es darum geht, mit undemokratischen Mitteln die Demokratie zu retten. Als die RAF das damals ins Extrem trieb, hat der linke Philosoph Jürgen Habermas von „Linksfaschismus“ gesprochen.
Das ist schlimm genug. Wirklich gefährlich aber ist die „klammheimliche Sympathie“ der politisch-medialen Elite bis in Regierungskreise hinein. Wenn Frau Prien recht hat und die Antifa zur DNA der CDU gehört, dann haben wir es mit einem staatstragenden Antifaschismus von der ehemals konservativen Union bis zur SED-Nachfolgepartei Die Linke zu tun. Ist aber Antifa unsere Staatsphilosophie, dann steht unsere „wehrhafte, streitbare Demokratie“ ständig im „Kampf gegen rechts“. Man braucht also dringend immer wieder neue Nazis, um antifaschistischer Widerstandskämpfer zu sein.
Die Rettung „unserer Demokratie“ ist ein Projekt, das gleich dreierlei rechtfertigt:
die Gewalt der Antifa,
die Politik der Elite gegen die Bürger und
die despotischen Maßnahmen gegen die Opposition.
In allen drei Fällen handelt es sich um eine Außerkraftsetzung der Demokratie im Namen der „wahren“ Demokratie. Aber wer entscheidet, wer Demokrat ist? Solange sich das der Verfassungsschutz anmaßen darf, muss man sagen: Viel mehr noch als die Demokratie sind Rechtsstaatlichkeit und Freiheit bedroht. Deshalb geht es heute auch nicht um den Schutz der Demokratie, sondern um den Schutz vor ihren Rettern.
Dieser Kommentar von Norbert Bolz wurde bei Kontrafunk aktuell am 29.07.2026 veröffentlicht.
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